Busfahrer und Service Plus

Inzwischen haben einge Busfahrer an der Schulung teilgenommen. Die ersten positiven Rückmeldungen von betroffenen BusbenutzerInnen haben wir schon erhalten. Ein herzliches Dankeschön an dieser Stelle an alle mutigen Busfahrer.

Villingen hat das Modell übernommen. Wir waren mit unserem Team dort.

Presseberichte von der 1. Schulung Herbst 2009:

Mit dem Rollstuhl in den Bus

Reutlingen. Busfahren gehört für viele zum Alltag - auch für geh- und sehbehinderte Menschen. Mit welchen Hürden sie jedoch zu kämpfen haben, erfuhren jetzt Busfahrer während einer Schulung der RSV.


Der Altersanzug mit sichtverschlechternder Brille und simuliertem Taubsein gehörte ebenfalls zum Schulungsprogramm für die RSV-Busfahrer. Diese hatten zumindest ihren Spaß beim Ausprobieren. Foto: Jan Zawadil

Martina Bell ist Rollstuhlfahrerin und alles andere als hilflos. Doch wenn sie mit dem Bus unterwegs ist, muss ihr wenigstens jemand die eingebaute Rampe im Bereich der Bustüren ausklappen, damit sie mit Schwung ins Fahrzeuginnere gelangt.

So einfach und geübt das bei der querschnittsgelähmten Frau auch aussieht: Nicht alle haben den Ablauf perfekt drauf. Sind doch gerade ältere Menschen mit ihrem Gehwagen und sich selbst oft genug beschäftigt. Wobei sie nicht nur auf sich, sondern gleichzeitig auch auf die sperrige Gehhilfe achten müssen. Wie sehr die Situation die Gehandicapten unter Druck setzt und letztlich auch das ansonsten flotte Ein-und Aussteigen beeinflusst, davon machten sich unlängst zehn Busfahrer der Reutlinger Stadtverkehrsgesellschaft (RSV) ein Bild. Sie mussten dafür selbst einiges auf sich nehmen, um zu erleben, was es heißt, nicht der Fahrgast-Norm zu entsprechen.

Busfahrer Michael Dreßler hatte da allerdings keine Scheu vor den Aufgaben. Als Erster nahm er im Pflegerollstuhl Platz und versuchte, rückwärts über die Klapprampe in den Bus zu gelangen. Einige Male musste er den Kopf nach hinten drehen, um die Konstruktion zu treffen. Anschließend brauchte es noch ordentlich Kraft, bis er es nach drinnen geschafft hatte.

"Ich hatte es mir leichter vorgestellt", sagte der Busfahrer deshalb sichtlich angestrengt und bugsierte sich mit dem ungewohnten Gefährt in den Mittelgang. Schließlich war der Platz für Kinderwagen und Rollstühle bereits mit zwei Rollis belegt.

Wenig Erbarmen mit seinen Kollegen kannte während der Schulungsrundfahrt quer durch die Stadt hingegen der stellvertretende Betriebsleiter und Fahrdienstleiter, Michael Exner. Er hatte nämlich an diesem Nachmittag hinter dem Steuer Platz genommen und ließ es in zackiger Manier, und um den imaginären Fahrplan einzuhalten, laufen.

Michael Dreßler musste sich da in seinem Rollstuhl ordentlich festhalten, um nicht das Gefühl zu haben, völlig die Kontrolle zu verlieren. Ähnlich ging es seinen Kollegen, die entweder im Altersimulationsanzug steckten, eine abgedunkelte Brille und Handschuhe trugen oder sich noch um ihren Gehwagen kümmern mussten.

Einige Haltestellen weiter folgte dann der Wechsel. Jeder Chauffeur musste die fünf gestellten Aufgaben erfüllen. Die Ausrede, dass das Bäuchle etwa nicht in den Altersanzug samt steifem Knie und gelähmtem linken Arm passen würde, zählte dabei nicht.

Mit der Schulung will die RSV nun vor allem eines erreichen: Verständnis für die Belange gehandicapter Fahrgäste schaffen und sensibilisieren, wie Marketingleiter Bernd Kugel herausstellte. Dabei sollen nach und nach alle 80 RSV-Fahrer sowie die Mitarbeiter der Subunternehmer über einen Zeitraum von ein bis zwei Jahren geschult werden.

Angegangen wurde das Schulungsprojekt übrigens in Zusammenarbeit unter anderem mit der Behindertenliga sowie dem Kreisseniorenrat. Dass Busnutzer wie etwa Martina Bell bisher aber keine schlechten Erfahrungen gemacht haben, wurde an diesem Tag genauso deutlich, wie die Berichte, bei denen Rollstuhlfahrer schon mal stehen gelassen worden sein sollen, was Helga Jansons vom Körperbehindertenverein bestätigte.

Dennoch: Die Busfahrer wissen nicht erst seit der jüngsten Schulung um die Belange von Fahrgästen mit Behinderung. Haben sie doch tagtäglich mit unterschiedlichsten Menschen zu tun. Und was laut Fahrer Ronny Hummel da noch hinzukomme: Auf die Sicherheit werde immer geachtet.

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Lehrgang - RSV-Fahrer erfuhren am eigenen Leib, wie anstrengend Busfahren für Menschen mit Handicap sein kann

Sonderfahrt mit allen Schikanen

VON ANDREA GLITZ

Mit dem Rolli über die Rampe - Schikanen simulieren die Probleme für Menschen mit Handicap beim Busfahren.
Mit dem Rolli über die Rampe - Schikanen simulieren die Probleme für Menschen mit Handicap beim Busfahren. FOTO: Jürgen Meyer
REUTLINGEN. Für ein Dienstleistungsunternehmen unschöne Vorwürfe stehen im Raum: Busfahrer der Reutlinger Stadtverkehrsgesellschaft (RSV) ließen immer wieder mal Rollstuhlfahrer an Reutlinger Bushaltestellen stehen. Jutta Kraak weiß von Menschen mit Behinderung, die sich nicht mehr trauen, in der Stadt alleine Bus zu fahren.

Kraak war maßgeblich am Entwurf einer Schulung beteiligt, die Behindertenorganisationen in Reutlingen und Esslingen, der Reutlinger Kreisseniorenrat und das Geriatrische Zentrum Tübingen entworfen haben: Sie soll Busfahrer für die Probleme von Fahrgästen sensibilisieren, die aufgrund von Alter oder Behinderung auf Hilfe, Rücksicht und ? manchmal nur ein kleines bisschen ? mehr Zeit angewiesen sind, wenn sie den Bus besteigen oder verlassen.

80 RSV-Fahrer und 40 Mitarbeiter von Subunternehmern sollen im Laufe der kommenden Zeit geschult werden. Konzept ist, die Fahrer die möglichen Probleme am eigenen Leibe erleben zu lassen.

Nach einer theoretischen Einführung von Karl Zahradnik haben sich zunächst ein gutes Dutzend Fahrer, anlässlich der Premiere auch Vertreter der beteiligten Senioren- und Behindertenorganisationen auf eine zweistündige Tour im Sonder-Stadtbus begeben. Dabei wurden die Fahrer mit einer Reihe von Schikanen konfrontiert: im Alterssimulationsanzug in den Bus einsteigen und einen Platz suchen. Mit Hörschutz, dicker Spezialbrille, die nur eingeschränktes Schwarz-Weiß-Sehen ermöglicht, das Fahrgeld aus dem Geldbeutel kramen oder mit Rollator oder Rollstuhl in den Bus gelangen.
»Die Leute werden immer aggressiver«
 Kraak, Vorsitzende der Reutlinger Computeroldies und engagiert auch in Behindertenliga und Kreisseniorenrat, betonte, dass es nicht darum gehe, die Busfahrer in Misskredit zu bringen. »Wir wollen Bewusstsein ändern, bei Einzelnen, aber auch in Institutionen.« Sie weiß auch um den Druck, der im Gewerbe herrscht. »Die Fahrpläne sind zu knapp. Der psychische Druck ist groß.«

Bernd Kugel, bei der RSV unter anderem fürs Marketing zuständig, hob das Bemühen des Unternehmens hervor, den ÖPNV für gehandicapte Menschen attraktiv zu gestalten. Er ermunterte Betroffene, sich zu beschweren, wenn sie nicht korrekt behandelt werden. »Für uns ist es wichtig zu erfahren, wenn so was passiert. Wir nehmen die Fahrer dann ins Gebet.«

Kugel warnte aber auch davor, immer gleich pure Absicht zu vermuten, wenn jemand an der Haltestelle stehen gelassen wird. »Vielleicht war?s einfach nur zu dunkel, und der Fahrer hat den Fahrgast nicht gesehen.«

Oft muss der Fahrer selbst nicht tätig werden. Meist helfen die Fahrgäste, erzählten Helga Jansons und Martina Bell, die beide im Rollstuhl sitzen und beim Lehrgang Tipps gaben ? etwa, ob es besser ist, die Auffahrhilfe vorwärts oder rückwärts zu benutzen. 60 RSV-Busse haben eine solche Rampe. Sie befindet sich unauffällig am Ausstieg und kann mit einem Handgriff von einem Helfer ausgeklappt werden. Wird der Bus abgesenkt und ist der Bordstein schön hoch, kann der Rollstuhlfahrer oder rollatorgestützte Fahrgast problemlos und ? sofern ausreichend vorhanden aus eigener Kraft ? in den Bus gelangen und ihn wieder verlassen.

In der Mitte hoch, vorne und hinten abgesenkt, so sieht der Bordstein der idealen Busbucht aus. Bei deren Gestaltung ist die Stadt am Zuge. Doch viele der 400 vorhandenen Haltehaltstellen seien nicht behindertengerecht gestaltet. Ärger noch: Auch beim Bau neuer Haltestellen berücksichtige die Stadt die Belange der Rollstuhlfahrer nicht, kritisierte Jutta Kraak.
»Wir nehmen die Fahrer ins Gebet«
Den Busfahrern schien die Schulung das eine oder andere Aha-Erlebnis beschert zu haben. »Man sieht?s mit anderen Augen«, lautete beispielsweise das Fazit von Michael Dreßler am Ende der Sonderfahrt. Vor allem das Einsteigen mit dem Rollstuhl habe er sich deutlich einfacher vorgestellt. Er sei seit jeher um Rücksicht bemüht, sagte Dreßler. Er versuche beispielsweise stets zu warten, bis die Älteren sitzen.

Doch die Räume für Rücksicht und Aufmerksamkeit schrumpfen: Nicht nur, dass die Fahrpläne enger werden und der Druck größer. Dreßler beklagte auch das immer rauer werdende Klima unter den Passagieren im Bus. »Das Fahren macht keinen Spaß mehr. Die Leute werden immer aggressiver.« (GEA)